„Wer’s glaubt, wird selig“ – Die Coronakrise als Nährboden für Fake News und Verschwörungsmythen

26. 06. 2020

„Wer’s glaubt, wird selig“ – Die Coronakrise als Nährboden für Fake News und Verschwörungsmythen

„Hast du schon gehört?“ ist wohl eine der häufigsten Fragen, die man in letzter Zeit stellt oder selbst gefragt wird. Dabei geht es mit hoher Wahrscheinlichkeit um die neuesten Schlagzeilen und „Breaking News“ rund um das Coronavirus. Dass davon das Wenigste der Wahrheit entspricht, ja dieser nicht einmal nahekommt, ist vergleichshalber nur einem kleinen Teil der Menschen bewusst. Kein Wunder also, dass offizielle Stellen vor (bewussten) Falschmeldungen warnen und Vereine, die sich mit online Fake News beschäftigen, Hochkonjunktur haben.

Ein neuartiger Virus, noch keinen Impfstoff dagegen, niemand weiß, wie es weitergehen und welche längerfristigen Auswirkungen die Krise für jeden Einzelnen haben wird. Es ist völlig normal, dass solche Aussichten verunsichern und man leichter als sonst einer Falschmeldung oder einem Irrglauben aufsitzt – vor allem wenn sich diese wie ein Lauffeuer über sämtliche Social Media Kanäle verbreiten.

Auch mimikama, der Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, der auch die Initiative ZDDK – „Zuerst denken – dann Klicken“ betreibt, bestätigt die derzeitige Häufung von Fake News: „Seit Beginn der sogenannten Coronakrise, eigentlich schon ab dem Moment, in dem sich das Coronavirus SARS-CoV-2 in vielen europäischen Ländern verbreitet hat, haben wir einen deutlichen Anstieg der Falschmeldungen zu diesem Thema bemerkt. Alleine die Anzahl der bei uns eingelangten Nutzeranfragen über Social Media Inhalte haben sich innerhalb kürzester Zeit vervierfacht“, so Andre Wolf, Blogger, Autor und Content- und Social Media Koordinator bei mimikama. „Im Regelfall haben wir zwischen 80 und 120 solcher Anfragen an einem normalen Tag. Falschmeldungen rund um Covid-19 haben dazu geführt, dass diese Anzahl auf über 400 pro Tag gestiegen ist.“

 

Fakten, Fakten, Fakten

Was vor vier Monaten begonnen hat, befindet sich mittlerweile auf einem ganz anderen Level. „In einer ersten Eskalationsstufe Anfang März haben wir tatsächlich viele einfache Falschmeldungen vorliegen gehabt, die in weiten Teilen harmlos waren und sich auch mit dem Label ‚Fake‘ gut kennzeichnen ließen“, so Wolf. Das ist jetzt nicht mehr so einfach und bedarf einer Menge Instrumente und kritischer Meinungen. „Was derzeit vorliegt, ist ein Storytelling, dass sich auf Mythen oder auf konträren Expertenaussagen stützt. Hier ist es nicht mehr möglich, einfach nur zwischen Fake und kein Fake zu unterscheiden, sondern ein Blick auf Herkunft, Absicht und auch Kontext ist wichtig. Aufgrund ständiger Wiederholungen und der oft viralen Verbreitung im Internet wirken die Darstellungen einiger weniger Fachleute als mehrheitlich, obwohl es sich im Grunde nur um einzelne Aussagen handelt, das ist eine klassische Taktik“, erklärt Wolf.

 

Im Zweifel kritisch bleiben

Um genau solchen Mythen keine Chance zu geben, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen eigenen Online-Bereich eingerichtet, in welchem sogenannte „Myth busters“ falsche Wahrheiten aufdecken sollen.

Neben der WHO wird mittlerweile auf zahlreiche weitere offizielle Stellen verwiesen, die rund um die Uhr Daten und Fakten liefern. Auch der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) hat zehn Mythen rund um das Coronavirus identifiziert und genau unter die Lupe genommen. Auf einer speziell dafür eingerichteten Unterseite werden aktuelle Informationen zu den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus gebündelt – und das in 15 Sprachen.

 

Fake News Superspreader – wer ist QAnon?

Doch woher kommen all diese Falschmeldungen und Mythen überhaupt? Natürlich kennen wir alle einige Personen, die derzeit besonders stark mit der Verbreitung von Fake News auffallen. Allerdings ist es ein bestimmtes Phänomen, das seit der Coronakrise in Europa angekommen ist und daher besonders hervorgehoben werden muss. QAnon, oder kurz „Q“, ist ein Pseudonym für eine in den USA schon seit einigen Jahren bekannte Quelle für Verschwörungsmythen. „Nach eigenem Mythos soll es sich ursprünglich um eine Person aus US-Regierungskreisen gehandelt haben, die interne Informationen hochinterpretativ veröffentlicht habe. Was dran ist, weiß niemand“, so Wolf. „Heute kann jeder „Q“ sein und alles mögliche behaupten. Damit stehen wir auch wieder an der Problemhürde: Für diese Behauptungen gibt es keinerlei Beweise, und dennoch werden sie bei den dafür empfänglichen Personen unkritisch hingenommen. Ein Verschwörungsmythos ist in sich immer so logisch gestaltet, dass er für sich funktioniert. Versuche, einen Mythos zu widerlegen, werden als Bestandteil des Mythos gewertet, die ihn im Idealfall sogar bestätigen sollen. Zum Beispiel: ‚Die Regierung widerspricht, also muss ja was dran sein‘ bzw. ‚Die Regierung widerspricht nicht, also muss es ja stimmen.“

Aufklärung durch fehlende Medienkompetenz?

Es stellt sich die Frage, was getan werden muss, um den oftmals so naiven Glauben an Falschmeldungen zu verhindern. Fake News sind nicht neu, ganz im Gegenteil. Schon oft wurde der Ruf nach der dringend notwendigen Medienkompetenz bereits in jungen Jahren laut. Doch Wolf ist davon überzeugt, dass sich in Punkto gelernter Umgang noch nicht so viel getan hat, wie darüber geredet wird: „Wir dürfen an dieser Stelle nicht vergessen: Schon seit Jahren kennen und reden wir alle von dem Phänomen der Falschmeldungen bzw. tendenziöser und manipulativ gestalteter Inhalte auf Social Media. Der fromme Wunsch der Medienkompetenz und Media Literacy Bemühungen ist augenscheinlich ein Wunsch geblieben bzw. wurde über weite Strecken an der falschen Stelle praktiziert.“ Bleibt zu hoffen, dass wir auch in dieser Hinsicht aus der Coronakrise lernen werden.

 

Tipp: APA-Faktencheck

Auch die APA-Redaktion möchte verstärkt Fake News entgegenwirken und hat dafür ein eigenes Tool aufgesetzt. „Der APA-Faktencheck soll eine zuverlässige Hilfe beim Einschätzen und Bewerten von Informationen bieten. Durch das Aufzeigen objektiver Sachverhalte wird im Idealfall ungerechtfertigten Vorurteilen entgegengewirkt und Manipulationsversuche werden unterbunden“, so APA-Chefredakteur Johannes Bruckenberger. Hier geht es zu den aktuellen Fakten Checks: https://multimedia.apa.at/Site/APA-Faktencheck/Aktuelle_APA-Faktenchecks.html

 

Über Andre Wolf
Andre Wolf ist Mitarbeiter bei mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch und ZDDK – „Zuerst denken – dann Klicken“. Nach einem Theologiestudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Verantwortlicher für Medien und Kommunikation ist nun die Analyse von Internetinhalten, speziell von Social Media, Wolfs Fachgebiet. Er ist zudem beim Verein Mimikama als Blogger, Autor und Content- und Social Media Koordinator tätig.

 

Quellen:
https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters
https://www.integrationsfonds.at/newsbeitrag/fakten-statt-fake-news-5346

 

Weiter Blogbeiträge zu diesem Thema:

 

Konnten wir Ihr Interesse zu Strategischer Beratung wecken? Hier geht es zu unseren Leistungen.

 

Titelbild von Fathromi Ramdlon bei Pixabay

Daniela Gissing

Daniela
Gissing


Weitere Neuigkeiten

Fordert Facebook TikTok heraus?

Fordert Facebook TikTok heraus?

20. 09. 2020

Wer regelmäßig auf Instagram unterwegs ist, hat die neue Funktion wahrscheinlich schon entdeckt: Instagram Reels.

mehr lesen
Magenta T-Breakfast: Das Projekt ist der neue Chef

Magenta T-Breakfast: Das Projekt ist der neue Chef

17. 09. 2020

ikp-Kunde Magenta Telekom holte den Rock 'n' Roller unter den Wirtschaftsphilosophen Anders Indset nach Österreich.

mehr lesen
Schreib einfach!

Schreib einfach!

13. 09. 2020

Der irische Literaturnobelpreisträger Bernard Shaw hat einst gesagt: „Hohe Bildung kann man dadurch beweisen, dass man die kompliziertesten Dinge einfach ausdrückt.“

mehr lesen
Bestens gerüstet mit der ikp COVID-19-Beauftragten

Bestens gerüstet mit der ikp COVID-19-Beauftragten

08. 09. 2020

Um Mitarbeitern und Kunden größtmögliche Sicherheit bei persönlichen Kontakten, Meetings und Veranstaltungen zu bieten, hat ikp nun eine eigene COVID-19-Beauftragte.

mehr lesen
Aus Fehlern lernen: Warum Scheitern ein Erfolgskonzept sein kann

Aus Fehlern lernen: Warum Scheitern ein Erfolgskonzept sein kann

03. 09. 2020

Wie man Misserfolge für sein persönliches und berufliches Wachsen nutzen kann - das erklärt Autor und Strategieberater Gerhard Scheucher im PRspektiven Talk.

mehr lesen
Über die Fachmedien zu den Entscheidern 

Über die Fachmedien zu den Entscheidern 

30. 08. 2020

Auch wenn die Auflage im Vergleich zu den Massenmedien nur gering ist, sollten Fachmedien in der Pressearbeit nicht vernachlässigt werden.

mehr lesen
nach oben
ikp PR-Agentur Logo