Experimentier-Stube Grafik

19. 11. 2019

Experimentier-Stube Grafik

ikp hat drei Grafiker, die immer auf der Suche nach Neuem sind, zum Roundtable gebeten. Ein Gespräch über Innovationen in der visuellen Kommunikation.

Grafische Gestaltung heute und vor 10 Jahren – was hat sich verändert?

Rudy Winklhofer: Mitte der 2000er Jahre hat Apple durch die iPod Kampagne mit den schwarzen Silhouetten und den farbigen Hintergründen eine halbe Generation geprägt – Gestalter wie Kunden. Was das Design angeht, stand die Anmutung im Vordergrund. Es musste „cool“ aussehen – eben wie Apple. Heute wird wesentlich mehr Wert auf „perfekte“ Usability, Wahrnehmung der Elemente und Interaktion gelegt.

Felicitas Siegl-Linhart: Naturpapiere und auffällige Farben sind gefragt und gehören fast zum Standard. Was die Interaktion angeht, muss heute die Verbindung zwischen Print und Online immer mitgedacht werden: Wenn z.B. eine Geschichte in einem Kundenmagazin über den QR-Code zu einem Video führt, wird sie dadurch quasi zum Leben erweckt. Überhaupt hat die Bewegtbildkommunikation extrem zugenommen, wie Videos oder Animationen.

Mark Trattner: Umso wichtiger ist es authentische Geschichten zu erzählen, mit denen sich der Leser oder User identifizieren kann. Die Bildsprache ist z.B. in der Werbung viel natürlicher geworden. In der Grafik ist die Reduktion wichtiger denn je, darin liegt die eigentliche Kunst. Schöne Bilder alleine reichen nicht mehr.

 

Blicken wir in die Zukunft – in welche Richtung geht der Trend?

Rudy Winklhofer: Corporate Design ist ein großes Thema. Wird es das in 10 Jahren noch geben? Ich denke nicht. In manchen Unternehmen haben Corporate Design Guidelines tolstoiesque Ausmaße. Da wird sogar die Farbe der Türstopper geregelt. Das muss und wird sich ändern. Designs werden wohl mehr nutzerorientiert und definitiv variantenreicher und „offener“.

Mark Trattner: Momentan ist ja in der Grafik vieles erlaubt, sogar „typografische Sünden“. Schwer zu sagen in welche Richtung das geht. Vielleicht wird auch wieder alles geordneter und straighter? Momentan wird nur viel Dagewesenes recycelt.

 

Wer oder was inspiriert euch? Wo holt ihr euch eure Ideen?

Mark Trattner: Filme und Musik. Oft steckt schon so viel in einem gut gemachten Vorspann eines Films. Die sind typografisch oft sehr gut gemacht. Ansonsten gehe ich immer mit offenen Augen durchs Leben.

Felicitas Siegl-Linhart: Dem schließe ich mich an. Ich nutze auch gerne Kongresse zum Netzwerken und Austauschen.

Rudy Winklhofer: Recherche, Recherche, Recherche. Gutes Design ist harte Arbeit. Ideen sprudeln nicht einfach so aus mir heraus. „The Big Idea“ kommt in der Regel durch intensive Recherche – online, aber auch die „alten“ Kampagnenbücher von Lürzer‘s Archive sind für mich sehr inspirierend. Und nicht zuletzt inspiriert mich Kunst ungemein.

 

Welchen Herausforderungen begegnet ihr, wenn es darum geht neue Ideen umzusetzen?

Mark Trattner: Oft fehlt leider der Spielraum. Bei der Umsetzung eines Designs geht es nicht darum sich selbst zu verwirklichen, sondern das zu machen, was bei der Zielgruppe am besten ankommt bzw. das, was am besten zur jeweiligen Marke passt.

Rudy Winklhofer: Wenn wir für Kunden Ideen oder Konzepte entwickeln, müssen diese aus der Masse hervorstechen. Kein Kunde will eine Kampagne, die er schon drei Mal gesehen hat. Es muss neu, anders und unique sein.

Felicitas Siegl-Linhart: Manchmal scheitert es auch an der Technik bzw. am Budget, das nur bestimmte Möglichkeiten erlaubt.

 

Gibt es Bereiche in denen ihr experimentiert? Wo würdet ihr gerne mehr Neues ausprobieren?

Felicitas Siegl-Linhart: Ich würde gerne mehr mit unterschiedlichen Materialien experimentieren, neue Haptiken testen, im Printbereich mehr außerhalb der Norm versuchen und neue Möglichkeiten beim Drucken ausprobieren. Zum Beispiel hat ikp Salzburg für AustroCel Hallein eine Imagebroschüre gemacht, die nach Fichte duftet. Leider fehlt für solche Details oft das Verständnis.

Rudy Winklhofer: Wir experimentieren sehr viel, besonders bei der Entwicklung eigener Produkte. Das können digitale Produkte oder Alltagsgegenstände sein. Wir sind nicht nur im Auftrag unserer Kunden kreativ, sondern auch aus uns selbst heraus.

 

Im Gespräch:

Felicitas Siegl-Linhart kreiert bei ikp Wien Visualisierungen und gestaltet Printprodukte.

Mark Trattner ist für die Art Direction bei MINTMIND Creative Office in Salzburg verantwortlich.

Rudy Winklhofer ist Creative Director bei der deutschen Kreativagentur Weder & Noch.

 

Titelbild von Sergio Rota bei Unsplash.

 

Danijela Jovic

Danijela
Jovic


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