WeChat – der chinesische Alleskönner

05. 07. 2018

Welche Unternehmen brauchen hier unbedingt einen Auftritt? Wie funktioniert die Multi-Funktionsapp? Was können wir in Europa von WeChat lernen, auch wenn wir nicht der chinesischen Zeichen mächtig sind? Nach den ersten, erfolgreich umgesetzten Projekten geben wir von ikp Einblick in das „Wundertool“.

Seit 2011 gibt es den chinesischen Messenger-Dienst WeChat, der ursprünglich aufgebaut war wie unsere Facebook-Tochter WhatsApp. Böse Zungen behaupten, dass es sich – wie so oft in Asien – sogar um eine Kopie handelt. Sobald die Kopie allerdings wesentlich besser ist, als das Original, dann muss wahrscheinlich von einer Weiterentwicklung gesprochen werden… Denn „Chat only“ war gestern. In China organisieren die Nutzer ihren Alltag über die Full-Service-Plattform: Vereinbaren von Arztterminen, Buchen von Kinotickets, Organisation von Firmenmeetings, Abwicklung der Stromrechnung, Lesen von hochwertigen Magazinbeiträgen, Bezahlen des Frühstücks beim fliegenden Händler um die Ecke oder Sprachtelefonie – all das funktioniert im Reich der Mitte über WeChat. Ach ja, ein Soziales Medium ist auch noch integriert: Man kann jederzeit Postings erstellen, mit ehemaligen Arbeitskollegen in Kontakt bleiben, sehen was die Cousine zu Mittag gegessen hat oder wer gerade wo im Urlaub ist. Besonders macht WeChat auch, dass es als App ohne Probleme das Privat- und Berufsleben verbindet. Zudem hat sich der Alleskönner so ins Alltagsleben integriert, dass die Chinesen relativ rasch nach der Kontaktaufnahme ihre Gesprächspartner erst mal via QR-Code auf WeChat scannen und sich so verbinden.

Offene Schnittstelle – eigene Shops in der App erstellen

Der Unterschied zu den im Westen verbreiteten sozialen Netzwerken bzw. Apps ist, dass diese alle in sich geschlossene Systeme sind und nicht von einzelnen Unternehmen bzw. Nutzern für ihre Zwecke verwendet werden können. Bei WeChat ist das anders: angenommen ein Schuhhändler in Shanghai hat einen gut funktionierenden Shop in einer belebten Straße. Nun möchte – nennen wir ihn mal – Mr. Wu seinen Kunden seine Produkte auch online verfügbar machen. Im Westen bräuchte er dazu eine Digital Agentur, die ihm einen Webshop inklusive Bezahlsystem programmiert, eine eigene App, einen eigenen Server etc. In China kann Mr. Wu dank der offenen Schnittstelle innerhalb von WeChat einen Shop gestalten und an die Corporate Identity seines Schuhladens anpassen. Der Nutzer bleibt in der App und kann dennoch direkt bei Mr. Wu bestellen und auch bezahlen. Dies ermöglicht zusätzliche Verknüpfungsmöglichkeiten: Wer in Moments (dem Sozialen Medium von WeChat) sein neues Hemd in einem Posting markiert, der ermöglicht es seinen Freunden in den gleichen Shops einzukaufen bzw. genau dieses Kleidungsstück nachzukaufen.

Dank einfacher Bezahlfunktion nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken

Eine weitere große Stärke des Allrounders ist die Bezahlfunktion. Es gibt zwei Möglichkeiten zu bezahlen, zum einen vor Ort im Geschäft mittels Scan von QR-Codes, die sich in ganz Asien rasend schnell verbreitet haben, oder via virtuellem Konto. In beiden Fällen ist eine Kreditkarte hinterlegt. Da in China Kleingeld nicht sonderlich beliebt ist, wird immer öfter über WeChat Wallet und somit über den Messenger bezahlt. Durch die einfache Handhabung passiert das sowohl an der Supermarktkassa als auch beim Online-Shopping. Zum Vergleich WhatsApp arbeitet ebenfalls an einer Bezahlfunktion, währenddessen werden in China mit den Bezahlfunktionen Alipay (Bezahl-App von Alibaba) und WeChat Wallet 1,85 Billionen US-Dollar umgesetzt.

Volle Kontrolle? – die andere Seite der Medaille

Wie konnte also ein Unternehmen so innovativ sein und sich mit über 1 Milliarde Nutzer heimlich still und leise entwickeln? Dass fast alle globalen Player wie Facebook, Google, Instagram, Youtube und Snapchat in der Volksrepublik gesperrt sind, hat zu Beginn sicher geholfen. Ohne die westliche Konkurrenz konnten sich Tech-Konzerne wie Baidu (entspricht in etwa Google), Alibaba (vom Angebot mit Amazon vergleichbar) und Tencent (Messenger QQ, WeChat und China Music) entwickeln und ihre innovativen Angebote vorantreiben. Mittlerweile sind die chinesischen Giganten gleich groß, wenn nicht sogar größer als die einstigen westlichen Vorbilder. Baidu war das erste chinesische Unternehmen, das im NASDAQ intergiert wurde und arbeitet nun wie Google intensiv an selbstfahrenden Autos und der Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Kritisch zu betrachten ist, dass die chinesische Regierung nach dem Erfolg der Konzerne nun auch ihr Stück vom Kuchen abhaben will und auch bei „Bedarf“ Zugriff auf die Daten der Nutzer bekommt. Bei all den Daten-Skandalen, die auch Facebook erschüttert haben, überrascht das vielleicht nicht mehr. Problematisch ist das allerdings für die chinesische Bevölkerung, die von der autoritären Regierung auf Grund ihres Surf- und Postingverhaltens in „gute und schlechte“ Bürger oder noch viel gefährlicher in „kritische und gehorsame“ Bürger eingeteilt werden können. Das ist natürlich zu verurteilen. Dennoch ist WeChat für Unternehmen, die im Reich der Mitte erfolgreich sein wollen nicht wegzudenken und auch was die Inhalte angeht, können wir uns in Europa eine Scheibe abschneiden.

Push-Nachrichten von Unternehmen zu neuem, innovativem Content

Ein Unternehmen muss sich zuerst entscheiden, ob es einen Service- oder Abo-Account betreiben möchte. Service Accounts sind wesentlich sichtbarer, da wie ein Kontakt eine Art Chat-Fenster angelegt wird und mittels Push-Nachricht der Nutzer über neue Inhalte verständigt wird. Das ist allerdings nur viermal pro Monat möglich. Alle Abo-Accounts werden in einem Chat-Fenster mit Untermenü gesammelt. Hier haben die Unternehmen aber den Vorteil öfter Content an die Follower schicken zu können (einmal pro Tag). Zudem sind Postings auf WeChat meist richtige Artikel mit Inhalten inklusive Videos und nicht nur kurze Teaser wie das bei den westlichen Social Media-Kanälen der Fall ist. Alle großen Marken, die in China reüssieren wollen, sind auf WeChat vertreten und produzieren passenden Content. Wie beispielsweise bei Adidas, Stihl, Audi, Nike oder Blum (siehe Gallerie mit Screenshots) ist der Inhalt an die Usergewohnheiten und die Spezifikationen des Landes angepasst. Ganz egal was es ist: ein Shop, klassische Werbung oder ein Artikel über den Nutzen der Kunden inklusive Videos. Gerne werden auch Inhalte mit Stars – je nach Branche asiatische oder westliche – oder Influencer verwendet, welche die Marken aufladen sollen. Wer Ads schalten will, muss zuerst die magische Schallmauer von 100.000 Follower überspringen und dann sind die Werbeplätze zusätzlich noch streng limitiert, schließlich soll die familiäre Atmosphäre innerhalb der App erhalten bleiben. Denn meistens haben die Nutzer nicht mehr als 200 Kontakte. Mit diesen stehen sie aber in regem Austausch. Influencer gibt es auf WeChat natürlich auch, aber diese haben dann zum einen entweder riesige Followerzahlen (über 1 Million Follower) oder sind Micro-Influencer mit einem ganz speziellen Thema und großem Vertrauen innerhalb ihrer Community.

Learnings für europäische Unternehmen

Was können wir Mitteleuropäer von WeChat lernen? Auf alle Fälle, dass die Vernetzung einzelner Apps und genauso wie die Mobile-Nutzung zunehmen wird. Wer auf dem chinesischen Markt erfolgreich sein will – egal ob B2B oder B2C – darf das wichtigste Soziale Medium nicht außer Acht lassen und eigenen Content dafür produzieren. Das Smartphone wird uns in Zukunft auch bei der Gesundheitsvorsorge, bei einer Tisch-Reservierung im Lieblingsrestaurant oder beim Online-Banking ein treuer Begleiter sein. Die Influencer werden wir definitiv nicht so schnell wieder los, deshalb sollten wir sie für unsere Zwecke sinnvoll einsetzen. Und kann bitte endlich jemand auch bei uns ein unkompliziertes, sicheres und verlässliches Bezahlsystem fürs Handy erfinden? Es wird Zeit.

 

 

 

Photo by Kevin Grieve on Unsplash

Samuel Dürr

Samuel Dürr


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